Vorwort für Christen

Die Problematik, dass die Welt am meisten unter den Gutmenschen leiden kann, thematisierte Pink Floyd bereits 1977 mit ihrem Album Animals. Laut Wikipedia (vom 19.04.2018) wird dort wie folgt unterschieden:

Die Hunde (Dogs) sind die kapitalistisch orientierten Menschen, die nur an Geld interessiert sind, sich nicht um ihre Mitmenschen kümmern und für den Profit sogar über Leichen gehen.

Die Schweine (Pigs) sind für Waters die „Moralapostel“, die den Menschen jeden Tag predigen, wie sie sich richtig zu verhalten hätten. Dabei würden gerade diese Menschen die meisten Fehler machen und sich besonders unmoralisch verhalten.

Zu den Schafen (Sheep) schließlich gehört die breite Masse, die sich von den Hunden ausnutzen lässt, Dinge nicht hinterfragt, sondern sich von anderen leiten lässt. Die Schafe haben keine eigene Meinung und wollen einfach nur ihre Ruhe haben.


Besonders Christen müssen sich fragen, ob sie sich auch zu den Schafen rechnen müssen, die sich von irgendwelchen Hirten – die dann zu den Schweinen zu zählen wären – haben einlullen lassen. Seit Luther sollte damit eigentlich Schluss sein, wo Christen doch zu höherem berufen sind (1. Kor. 6, 2):

„Oder wisst ihr nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden? Wenn nun die Welt von euch gerichtet werden soll, seid ihr dann nicht gut genug, über so geringe Sachen zu richten?“

Tatsächlich sind alle ernsthaften Christen (Joh. 17, 20) Heilige und berufen, „Botschafter an Christi statt“ (2. Kor. 5, 20) zu sein und mit gutem Vorbild voran zu gehen (1. Joh. 3, 17, 1. Joh. 4, 20, 1. Petrus 2,12).

Christen sehen sich aber häufig unter einer Obrigkeit zur Duldsamkeit berufen. Hierzu führen sie in aller Regel Römer 13, 1-7 an, wo Paulus einen ganzen Abschnitt dem Verhältnis von Christ und Obrigkeit widmet. Dieser sei hier zunächst kurz wiedergegeben um seine Aussagen dann in Bezug auf unseren heutigen Rechtsstaat zu reflektieren:

(1) Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. … (2) … Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung … (3) Denn die Gewalt haben, muss man nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. … (4) … sie trägt das Schwert nicht umsonst. Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht die Strafe an dem, der Böses tut. (5) Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, … um des Gewissens willen. (6) Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht. (7) So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.“

Zu Vers 1:
Wer ist Obrigkeit, wer hat Gewalt über wen, wer hat das Widerstandsrecht als höchste und letzte Gewalt, wer ist Souverän?
Richtig nach Art. 20 GG ist:
Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Damit ist das Volk der Souverän und die letztlich die moralische Obrigkeit.

Es muss getrennte Organe geben, welche jeweils voneinander besonders sind. Nicht (nur) die Staatsgewalt ist zu teilen, sondern die Organe der Gewalten sind voneinander zu trennen, damit sie in sich selbst eigenständig ‚denken‘ können, ohne dass die Gefahr besteht, dass sich die Funktionen miteinander vermischen.

Gewalt ist an die Organe nur delegiert, oder anders gesagt: sie ist ihnen verordnet. Die letzte Verantwortung aber bleibt mit dem Widerstandsrecht doch bei ‚allen Deutschen‘.

Die Aufgaben der Funktionsorgane entsprechen denen der klassischen Obrigkeit: Damit wird faktisch Gewalt ausgeübt, nur faktisch muss man sagen.

Zu Vers 2:
Als gottgewollte Anordnung kann in unserem Rechtsstaat nicht mehr die Obrigkeit als solche angesehen werden. Herrscher von Gottes Gnaden haben wir hinter uns gelassen. Gottgewollt ist aber ein funktionierendes Staatssystem, welches der Christ in der verfassungsmäßigen Ordnung erkennen muss.

Zu Vers 3:
Die Organe der Staatsgewalten müssen böser Werke besorgt werden. Sie üben die faktische Gewalt aus. Aus christlicher Sicht ist ihnen zwingend auf die Finger zu schauen!

Zu Vers 4:
Die Staatsgewalten haben ihre Macht nicht umsonst, sondern eben zur Erfüllung ihrer Funktionen. Dazu zählt auch Strafvollzug an den Bösen. Die Existenz der Selbstreinigungsmechanismen, wie z. B. § 339 StGB (Rechtsbeugung) beweist, dass auch Staatsorgane nicht per se vor bösem gefeit sind.

Zu Vers 5:
Das Unterordnen in die gegebene Ordnung beinhaltet aus Gewissensgründen, dass auch die in der Ordnung gegebenen Selbstreinigungsmechanismen von denen mit Leben gefüllt werden, die dieses können. Da sich die Richterschaft beispielsweise nicht selbst zu Lügnern erklären kann, müssen dies im gegebenen Fall die Bürger tun. Aus diesem Grunde gehören auch die dazu notendigen Werkzeuge (wie Aufzeichnungsgeräte) zur rechtmäßigen Ausrüstung der Widerständler.

Zu Vers 6:
Auch Paulus rechtfertigt das Steuerzahlen mit der Funktion der Staatsorgane.

Zu Vers 7:
Anzumerken ist, dass das alte biblische Wort ‚Furcht‘ heute oft besser als ‚ernst nehmen‘ zu verstehen ist. Es widerspräche dem zuvor Gesagtem, wenn der berufene Christ in Furcht erstarrte und sich nicht dynamisch in die grundgesetzlich gewollte Ordnung einfügte und seine Gewissensobliegenheiten nicht ausüben würde.

Der Christ hat im Zweifel den weiter reichenden moralischen Kompass und allein schon deshalb die höhere Verantwortung und die früheren Pflichten. Er hat den Auftrag die Erde zu bebauen und zu bewahren und darf nicht warten, bis es zu spät ist.


Wir Deutschen (egal ob Christ oder nicht) sollten uns weder selbst entrüsten noch entrüsten lassen, sondern den Kampf nüchtern und kühl, versöhnlich, nachhaltig und ausdauernd führen. Vor allem aber zum Wohle der Allgemeinheit!

Die nicht mehr ordnungsgemäß funktionierenden Organe der Rechtsprechung sind wie ein Baum, der keine Frucht trägt. Selbst Jesus zog die notwendige Konsequenz, als seine Hoffnung sich sättigen zu können vom fruchtlosen Feigenbaum enttäuscht wurde. In Matthäus 21, 19 heißt es:

„Und er sah einen Feigenbaum an dem Wege, ging hinzu und fand nichts daran als Blätter und sprach zu ihm: Nie mehr wachse Frucht auf dir in Ewigkeit! Und der Feigenbaum verdorrte sogleich.“

Die notwendige Konsequenz für den Rechtsstaat ist analog zu obigem:

  1. Zu beachten, dass seine rechtschaffende Frucht (noch) nicht völlig versiegt ist.
  2.  Alle Möglichkeiten der Heilung zu versuchen und auszuschöpfen.
  3. Unangemessen guten Schein abzubauen, damit künftige Enttäuschungen nicht mehr vorkommen müssen (der verdorrte Feigenbaum weckt keine trügerische Hoffnung auf Frucht), Missstände anzuprangern (siehe Pranger!).

Auch zum Vergeben kommt der christliche Bürger im übrigen nur, wo sich die Richterschaft ihre Sünden nicht schon vorher heimlich selbst vergeben hat. In der Regel bekennt sie ihre Sünden nicht und legt sie somit nicht auf den Tisch der Vergebung. Auf diesem Wege weitet sich die Fäulnis in den Organen weiter aus, bis sie ihre Funktionstüchtigkeit vollständig eingebüßt haben. Es bleibt,

rechtschaffene Werke der Buße

(Apg. 26, 20) einzufordern und das Funktionieren des Rechtsstaates sicherzustellen.

Art. 103 Abs. 1 GG lautet:

„Vor Gericht hat jedermann Anspruch auf rechtliches Gehör.“

Selbst der, der im Unrecht sein sollte, hat das Recht, Gehör zu finden. Rechtliches Gehör ist mehr als ein Eingangsstempel und ein Aktenzeichen. Von dem Attribut ‚rechtlich‘ kann erst gesprochen werden, wenn sich auch erkennbar mit dem Vorbringen in einer rechtlich substantiierten Art und Weise auseinander gesetzt wird. Hieran mangelt es – soweit man die unterlegenen Parteien befragt – regelmäßig. Und selbst gesetzlich ist geregelt (§ 93b in Verbindung mit § 93a BVerfGG), dass sich Gerichte Entscheidungen nicht stellen müssen, wenn sie keine Lust dazu haben und dies ohne jede Begründung abliefern dürfen (§ 93d Abs. 1 Satz 3 BVerfGG).

An der Stelle wo ungerechte Urteile ergehen, ist natürlich Verbitterung vorprogrammiert. Hebräer 12, 15 fordert die Gemeinschaft auf, darauf zu sehen, dass bei niemanden eine bittere Wurzel aufwachse. Ich sehe den Christen hier in mehrfacher Hinsicht gefordert:

  • Unterlegene Parteien sollen nicht aus der Gemeinschaft fallen. Opfer im allgemeinen, Opfer von Staatsgewalt sowie vermeintliche und tatsächliche Justizopfer und im Besonderen dürfen mit ihren Problemen nicht allein gelassen werden.
  • Denen, die sich ’nur‘ ungerecht behandelt fühlen, die aber tatsächlich selbst im Unrecht sind, sollte ihr Unrecht erklärt werden, wobei ihnen so weit wie möglich die Gesprächsführung überlassen werden sollte.
  • Den tatsächlichen Opfern steht die Solidarverpflichtung der Gemeinschaft zu.  Die Gemeinschaft hatte die Staatsgewalt den Staatsorganen lediglich zur ordentlichen Funktion deligiert. Wenn die Ordnung beseitigt ist – die Staatsgewalten nicht mehr ordentlich funktionieren – eröffnet Art. 20 Abs. 4 das Widerstandsrecht für alle Deutschen. Bertold Brecht:

wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!

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für die Gewaltwirkungsordnung aus Art. 20 GG!

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