Aufregung wegen Maulkorberlass obsolet geworden

Im August 2018 regten sich Australiens Journalisten auf, dass sie nicht über einen skandalträchtigen Prozess berichten durften. Paul Barry:

„Es ist den Medien verboten, irgendetwas über einen bevorstehenden Prozess zu berichten.“ Wer wo warum angeklagt ist? Barry hebt die Schultern: Sorry, verboten. Das sei zwar der Gipfel des Absurden, aber wenn die nächste Sendung aus dem Gefängnis käme, wüssten die Zuschauer warum.

Streng genommen (und Australiens Justiz nimmt so etwas streng) durfte sogar niemand öffentlich sagen, dass man nichts öffentlich sagen durfte – deshalb Barrys Gefängnis-Scherz.

Nun (ab 26.02.2019) darf also wieder berichtet werden:

  • Es darf gesagt werden, worum es ging. Es wusste ohnehin das ganze Land: George Pell, der bislang ranghöchste Vertreter der katholischen Kirche (lange die Nummer drei im Vatikan), musste sich wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht verantworten. 2014 wurde er von Papst Franziskus nach Rom geholt, damit der die Finanzen des Vatikans neu ordne.
  • Es darf gesagt werden, warum nichts gesagt werden durfte: Nämlich, damit die Geschworenen nicht beeinflusst würden.
  • Es darf nun auch gesagt werden, welches Ergebnis die Unbeirrbaren nun erzielt haben; die Katastrophe ist perfekt: Die Unbeeinflussten erkannten in der höchsten Etage der institutionalisierten Unfehlbarkeit kriminelles Handeln.
  • Das Strafmaß: 6 Jahre Haft und Antrag auf Bewährung frühestens in 3 Jahren und acht Monaten.
  • Das Video von der Vernehmung durch die Victorian Police Rome:

  • Eine Berufungsanhörung wird am 05. und 06.06.2019 stattfinden, wobei
  • sich Pell laut kath.net durchaus Chancen ausrechnen kann, denn es gäbe hier nur einen einzigen Zeugen, weshalb das Urteil absurd und nicht von Beweisen gestützt sei: Pell wurde ausdrücklich auch dafür verurteilt, den zweiten Burschen missbraucht zu haben – obwohl dieser aber immer klar gemacht habe, dass es keinen Missbrauch gab. Auch gäbe es dazu keine Polizei-Akte und eine Video-Animation sei ein im Schluss-Plädodoyer verbotenes neues Beweismittel.
  • Dieser „zweite Bursche“ dürfte inzwischen verstorben sein, denn das ZDF berichtete:
    Von den beiden Chorknaben ist nur noch einer am Leben. Der heute 35 Jahre alte Mann – dessen Name vom Gericht nicht genannt wurde – war in dem Prozess der entscheidende Belastungszeuge. Er ließ am Mittwoch eine Erklärung verbreiten. Darin heißt es: „Alles wird überschattet von der bevorstehenden Berufung. Ich warte wie jeder Andere darauf, wie sie ausgeht.“

Natürlich ist nun auch die Meinungsfreiheit wieder gegeben, von welcher die Medien lebhaft Gebrauch machen:

  • Katholisch.de spricht weiterhin von einem Missbrauchsverdacht: „Er soll Missbräuche vertuscht haben und sogar selbst übergriffig geworden sein. „
  • Die Süddeutsche:
    Der Sonderstatus der Kirche muss ein Ende haben!
    Der Schuldspruch gegen den australischen Kurienkardinal George Pell zeigt: Es braucht den Rechtsstaat, um aufzuräumen mit klerikalem Filz und Selbstgerechtigkeit in der katholischen Kirche.
  • Leak6:
    Wer schützt uns vor Filz und Selbstgerechtigkeit im Rechtsstaat?
    Wenn im klerikalen Bereich selbst höchste Würde und maximale Soll-Ansprüche dieses nicht vermögen, warum sollten solche Gegebenheiten unseren Schutz dann im nicht klerikalen Bereich – ebenfalls ohne effektive Kontrolle – sicher stellen können?
  • Ken Jebsen zitiert Heiko Maaß aus 2015, als er noch Justizminister war (zum Thema Medienwirklichkeit):
    „Unsere Zensurpolitik im Internet ist keineswegs gegen die Meinungsfreiheit gerichtet, sondern sie dient lediglich dazu, die Bürger dazu zu erziehen, dass diese ihre Gedankengänge in die Richtung pojizieren, welche auch den staatlichen Richtlinien entspricht.“
  • Leak6 zitiert als staatliche Richtlinie Art. 5 Abs. 1 Satz 3 GG:
    „Eine Zensur findet nicht statt.“
    Was also soll dann eine Zensurpolitik?

P. S.:

  • Fraglich ist, ob die Jury in Australien auch im Namen des Volkes urteilt, dann wäre es um so merkwürdiger, wenn sie von Volkeswillen nicht beeinflusst werden darf.
  • Schlimmer noch, als das Vergehen gegen ein oder zwei Jungen finde ich, dass im Falle eines Freispruchs – dann vermutlich aus Mangel an Beweisen – die Kirche die rechtsstaatliche Unschuldsvermutung nehmen könnte, ihn in seiner extrem hohen Position zu belassen. Wenn er andere Fälle gedeckt hat, ist dies bezüglich seiner Eignung viel gravierender, als seine eigenen evtl. Betätigungen.

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