Die Kehrseite der Medaille

Dieser Beitrag dient dem Entdecken der Möglichkeiten.

Ja, das kommt aus Bielefeld. Obwohl so manch einer denkt, Bielefeld? Das gibt’s doch gar nicht. – Doch, das gibt’s!

Einfach mal machen! Ein tolles Credo. Und für nur 80 Euro wäre man drin, in der Bielefelder Werbegemeinschaft.

Und so nehme ich sie beim Wort und mache einfach mal was. – Aber was?Schweißerbrillen aufsetzen, oder doch lieber Scheuklappen?
Aluhut aufsetzen, um die Kreativität zu steigern?
Auf Sendung gehen, Nachmessen und Protokollieren?
Weiter gute Mine zum bösen Spiel? – Mal sehen, wohin der kreative Spirit mich heute führt:

Der Tag begann mit dem Verdacht, jemand klaue unseren Fernsehturm. Ich liebe unseren Fernsehturm, weil ich an ihm immer erkenne, wenn ich mich unserem Zuhause nähere. Und deshalb wäre es für mich schon etwas schmerzhaft, wenn ihn einfach jemand klaut. Undenkbar?

Nun, wenn man es machen kann, dann muss man es doch auch denken können. Ich machte jedenfalls eine Beweisdokumentation damit mir überhaupt noch jemand glaubt.

Am Ende stellte ich fest, dass es sich schlimmstenfalls um ein Zurückklauen hätte handeln können. Meine Bürgerrechtsseele gab also Entwarnung.


Weiter stolperte ich diesen Tages über das folgende Video von Exakt:

Dubioser Geschäftsmann veruntreut offenbar Jugendhilfe-Gelder
(Link zum gleichen Video in der Mediathek=)

Hiervon ein paar Auszüge:
@1:15 [Die Einführung]:
Alois B. (ach muss man wohl dazu sagen) gründete eine Vielzahl von Firmen, oder war an ihnen beteiligt.

@2:00 [Das Ausmaß, Beispiel 1]:
Jugendämter zahlten an den Träger mehrere 10.000 Euro pro Monat, in der Wohngruppe kamen aber nur 500 Euro pro Monat an. Das ging so ein Jahr lang.

@5:20 [Das Ausmaß, Beispiel 2]:
Für einen Jungen aus Traunstein zahlte das Jugendamt einen 5-stelligen Betrag.

@5:45 [Die Empörung]:
Das Jugendamt, die Mitarbeiter sind auch gesetzlich dazu verpflichtet, die Sache zu überprüfen.

@6:00 [Die Rechtfertigung]:
Eine sofortige Unterbringung in eine Einrichtung mit Betriebserlaubnis war nicht möglich.

@6:57 [Die Erklärung]:
Jugendamtsdirektor Rainer Schwarz … kennt die strukturellen Schwächen des Systems Jugendhilfe, „… weil wir haben nicht genug Menschen in den Diensten [zur Planung, Steuerung] haben.“

@8:28 [Das Ausmaß, Beispiel 3]:
Gegen Alois B. (ach muss man wohl dazu sagen) ermitteln derzeit 5 Staatsanwaltschaften.


Und damit war wiederum meine Unternehmerseele geweckt. Wie kann man das Geld so leicht einsacken, ohne dass es jemand besser macht? Schon als ich den Fall Brooke Pörings betrachtete bemerkte ich, wie lieblos die Experteneinlassungen über dieses 9-jährige Mädchen zusammen geschrieben werden; und so drängte sich mir der Gedanke auf, dass nicht nur in diesem einen Fall so einiges im Argen liegen dürfte. Lieblosigkeit ist ja die Schwester der Sorglosigkeit, wer nun die größere ist, mag dahin gestellt sein.

Jedenfalls verteilt das Jugendamt seine Gelder mindestens mit einiger Sorglosigkeit an Organisatoren, die ebenso liebevoll zu irgendjemanden (ggf. zu sich selbst) sind, wie sie auch teuer sind – nur nicht zu den Kindern.

Für mich ist die finanzielle Sorglosigkeit der Behörden
die Kehrseite der Medaille gegen die Steuerzahler,
die als Lieblosigkeit schon vorher die Kinder trifft.

Eine Lose-Lose-Situation also. Und ein bisschen wurmt mich das Video auch, dass es so sparsam bei den Kinderschicksalen ist. Aber immerhin:

Kommt mit diesem Video der Beweis, dass das was denkbar ist, auch machbar ist. Man muss kein Gott sein, der nur zu sprechen braucht und es geschieht. Man muss auch kein bodenständiger, innovativer, erfolgreicher, kreativer Erfinder oder Macher sein. Man muss nur skrupellos genug sein, die Bequemlichkeit der anderen auszunutzen und das Geld dort aufheben, wo es herum liegt.

Es ist also so, als ob wir auf der Titanic sind, jemand schlägt ein Loch in den Boden, alle gucken zu und niemand greift ein, bis es zum totalen Eklat kommt und dann gleich 5 Staatsanwaltschaften ermitteln müssen!

Warum bemerkt denn niemand etwas früher das Entscheidende?
Warum findet es statt, wenn es eine Lose-Lose-Situation ist?
Wo sind die anderen Gewinner, die zulassen, dass es passiert?

Warum sind diese so mächtig, dass sie sogar im Verborgenen bleiben können, wenn es zu einem solchen Video kommt. Wie kann es sein, dass Rainer Schwarz nur von Planung und Steuerung spricht und nicht einmal von Kontrolle? Warum zeigt denn niemand Zähne?


Auch interessant ist das Video von RBB,
Personalmangel in den Jugendämtern ist hausgemacht„:

Rainer Schwarz spricht hier von:

@0:30:
Keine kontinuierliche Kontrolle von freien Trägern

@2:10:
Wir mussten feststellen, dass wir nicht so viele Bewerbungen, wie wir zum Besetzen unserer Stellen brauchten, gewinnen konnten.

@02:40:
Wir haben [im Jugendamt] eine eigenartige Altersstruktur in der Belegschaft, … und wir haben viele Kollegen, die sehr jung sind, die dabei sind, ihre Familien zu gründen und daraus ergibt sich natürlich, dass wir ein Problem haben, mit den Kollegen, die tatsächlich vor Ort sind und arbeiten können und dieses Problem hat sich erst jetzt gezeigt.

@3:12:
… braucht man mehr Geld? – Ja, …

@3:25:
…, sie sich auch persönlich sehr stark einbringen müssen, sie müssen tief in Familiensysteme einsteigen, sie müssen sehr gut und reflektiert arbeiten können, all das sind sehr große Herausforderungen, und so wie wir unsere Kollegen im Moment bezahlen können, nach den tariflichen Bedingungen, ist das diesen Herausforderungen entsprechend nicht gemäß …

Ich fasse zusammen:
Die armen Jugendamtsmitarbeiter sind allesamt unterbezahlt. Man kann zu den gegebenen tariflichen Bedingungen nicht genügend Bewerber finden, um alle Stellen zu besetzen. Kaum jemand ist bereit sich den hohen Herausforderungen zu stellen. Immerhin muss man tief in Familiensysteme einsteigen. Und wenn man jung ist, und so eine Stelle antritt, kann man fürs Geld noch nicht einmal vor Ort arbeiten, weil man dann ja in seine eigenes Familiensystem einsteigen muss. Am Ende ist es logisch, dass man auch die freien Träger, die wenigstens einen Teil der liegen gebliebenen Arbeit zu erledigen versprechen nicht auch noch kontrollieren kann. Dann sprängen die wo möglich auch noch ab und dann wäre die Überlastung natürlich noch schlimmer. – Ja diese armen! Man muss schon qualifiziert sein, um auf diesem Niveau jammern zu können.

Leak6 fragt hier:
Warum stellt ihr keine freien Träger zur Kontrolle der anderen an?
Worum lobt ihr keine Prämien aus, für das Aufdecken von Veruntreuungen eurer eigenen Gelder?
Warum fügt ihr euch den privaten Denkfabriken in Monopolstellung wie z. B. Deutsche Institut für Jugenhilfe und Familienrecht, Forum für Fachfragen und gönnt ihnen keinen Wettbewerb?

Man kann doch für alles ein Unternehmen gründen, die Marktlücke ist doch offensichtlich da! Freut euch also schon mal auf die Startups die noch kommen!

Die vom Kinderklau betroffenen Eltern werden sich fragen, wie viel Elternzeit sie den Jugendamtsleuten bewilligen würden, damit sie ihnen das Leben nicht so schwer machen können.


Im Presseportal zeigt sich Marcus Weinberg (familienpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion) schockiert über die Vorfälle: „Dass es mehreren Jugendämtern in diesem Fall nicht mal aufgefallen ist, dass kein Führungszeugnis und keine Betriebserlaubnis vorliegen, macht mich fassungslos.“

Aber Politiker sind ja auch so hochqualifiziert – zumindest im Wiederfinden ihrer Fassung und deshalb mache ich mir da keine so großen Sorgen.


Gegen Ende meines Tages stieß ich dann noch auf die folgende Meldung der Eifelzeitung vom 26.07.2018 zu einem mutmaßlich anderen Fall:

„Bitburg. Die Staatsanwaltschaft Trier hat mitgeteilt, dass der Mitarbeiter des Jugendamtes, der unter Verdacht steht, 1,5 Millionen Euro veruntreut zu haben, sich in Untersuchungshaft befindet.“

Meine letzte Idee hierzu ist eigentlich doch wieder die erste:

Follow the money!

Doch erst mal gute Nacht!

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